Die Kohlekumpel des Informationszeitalters
- Juli 2026
- Tim Stuchtey
- Statement
Warum die Debatte über KI im Journalismus an den falschen Fragen hängt

Seit OpenAI im November 2022 erstmals seine künstliche Intelligenz (KI) der Allgemeinheit zugänglich gemacht hat, experimentieren täglich mehr Menschen in Beruf und Freizeit damit, wie sich diese neue Möglichkeit sinnvoll, spielerisch oder auch bösartig ausnutzen lässt. Wie bei nahezu jeder erfolgreichen Innovation wird KI zunächst insbesondere im Bereich der Kriminalität und der Pornografie eingesetzt. Mitte Juni 2026 scheint einigen findigen Journalisten aufgefallen zu sein, dass man mit einer KI auch gute Texte schreiben kann, wovon ihre Kollegen auch Gebrauch machen. Jetzt sorgt eine Handvoll Enthüllungen für Aufregung.
So hat Stephan-Andreas Casdorff, langjähriger Chefredakteur und Herausgeber des Tagesspiegels, Meinungstexte von einer KI schreiben lassen, ohne dies kenntlich zu machen. Die FAZ zog einen Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsidenten Mario Voigt zurück, da das Portal „Frag den Staat” darin starke Hinweise auf eine KI-Generierung gefunden hatte. Die „Welt“ publizierte daraufhin einen Kommentar von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner, der offen als KI-Produkt deklariert wurde. Und auch Bundesdigitalminister Carsten Wildberger soll Debattenbeiträge mithilfe von KI schreiben (lassen).
Die moralische Entrüstung folgt auf dem Fuße. Casdorff erhielt ein Schreibverbot, Voigt wurde durch die mediale Empörungsmaschinerie verhöhnt und die Verlage werden ihre redaktionellen Richtlinien für einige Wochen streng auslegen, bevor wieder alle heimlich die Gratis-Version der KI im Homeoffice nutzen. Die eigentliche Frage, um die sich all die aufgeregten Kommentare herumdrückten, lautet: Was ist falsch daran, KI als Werkzeug zu nutzen? Und wann genau fängt es an, ein Problem zu werden?
Der Skandal liegt woanders.
Zunächst zur Aufräumarbeit. Es gibt tatsächlich etwas Anstößiges an den genannten Fällen, aber es ist nicht die KI-Nutzung an sich. Es ist das Fehlen von Transparenz. Wer einen Text, der überwiegend von einer Maschine formuliert wurde, unter seinem Namen publiziert, ohne das kenntlich zu machen, der täuscht seine Leser. Das gilt für Journalisten und Politiker gleichermaßen. Voigts FAZ-Gastbeitrag enthielt obendrein nicht verifizierbare Zitate von Wissenschaftlern – das ist kein KI-Problem, sondern die mangelnde Erfahrung der Person, die den Text generiert hat. Die fehlende Kennzeichnung von KI-Nutzung kann man kritisieren. Das hat man aber nicht getan, als Redenschreiber und Ghostwriter die Texte noch mühsam selbst schrieben. Mein Œuvre ist auch länger, als es den Anschein hat.
Produktivität ist kein Schimpfwort.
Wer heute ernsthaft behauptet, Journalisten und Thinktanker dürften KI nicht nutzen, sollte sich die Frage gefallen lassen, wie lange er diesen Standpunkt im Wettbewerb durchhalten kann. KI bringt Produktivitätsfortschritt, und dieser Fortschritt ist messbar und nicht umkehrbar. Texte lassen sich schneller strukturieren, Übergänge werden flüssiger und statistische Zusammenhänge präziser formuliert. Wer darauf verzichtet, zahlt meist einen Preis in Zeit. Ob auch die Qualität leidet, hängt vom Anwendungsfall ab.
Das Gegenargument lautet: Leser seien bestimmt bereit, für authentische Inhalte von an den Texten wiedererkennbaren Autoren mehr zu zahlen. So entstehe ein Premiumsegment für handverlesene Prosatexter. Das mag in Nischen funktionieren. Es gibt Menschen, die handgefertigte Möbel und Käse von zärtlich mit der Hand gemolkenen Kühen kaufen. Für das breite Mediengeschäft, das ohnehin unter erheblichem Kostendruck steht, ist es jedoch eine Illusion zu glauben, andere würden den Produktivitätsfortschritt nicht nutzen, um Kosten zu sparen, Preise zu senken und eine größere Leserschaft zu erreichen. Ich halte es für sehr fraglich, ob ein Großteil der Leser zuverlässig zwischen KI-assistierten und vollständig menschlich formulierten Texten unterscheiden kann. Wenn ein Konkurrent dieselbe Analyse in einem Drittel der Zeit produziert und diese trotzdem lesenswert ist, dann verliert der Verlag, der auf Askese besteht, Marktanteile. Nicht aus Bosheit, sondern aufgrund ökonomischer Gesetzmäßigkeiten.
Journalisten, die heute darauf bestehen, dass sie und ihre Kollegen keine KI nutzen dürfen, werden die Kohlekumpel der nächsten Jahre sein. Das soll keine Häme sein. Auch die Bergleute hatten gute Gründe für ihre Forderungen, die man ihnen moralisch nicht vorwerfen kann. Nur ließ sich der Fortschritt nicht zurückverhandeln, sondern allenfalls auf Kosten der Konsumenten etwas verlangsamen.
KI denkt nicht, aber sie schärft das Denken.
Wer KI als Werkzeug nutzt, weiß, dass sie kein Denken ersetzt. Was sie kann, ist, das eigene Denken herauszufordern. Als Sparringspartner ist ein gutes Sprachmodell erstaunlich nützlich. Man formuliert eine These und erhält eine Gegenmeinung, eine Ergänzung oder einen Einwand. So wird man gezwungen, die eigene Argumentation zu präzisieren oder gar zu verwerfen. Hier kommt ein bisschen die alte Disputation zurück. Das ist intellektuelles Handwerk.
Was KI besonders gut kann, ist kürzen. Menschliche Autoren – ich bin einer davon – hängen an ihren Formulierungen, über die sie lange nachgedacht haben und von denen sie subjektiv finden, dass sie nicht schöner sein könnten. Das Ergebnis sind Texte, die länger sind als nötig. Eine KI kennt keine Sentimentalität gegenüber Formulierungen. Sie kürzt sachlich und nach Relevanz, nicht nach Eitelkeit. Das ist ein großer Dienst für die Leserschaft.
Ähnliches gilt für die Strukturierung. Wer mitten in einem Gedanken steckt, verliert manchmal den roten Faden. Eine KI kann dabei helfen, Argumente zu sortieren, Abschnitte logisch zu verknüpfen und Übergänge zu glätten, ohne den eigentlichen Inhalt zu verändern. Dies ist vergleichbar mit der Arbeit eines Lektors, der nicht selbst schreibt, sondern Ordnung schafft.
Besonders wertvoll ist die Unterstützung bei mathematischen, statistischen und ökonometrischen Zusammenhängen. Es ist kein Geheimnis, dass sich viele Journalisten und Politiker mit mathematischen Argumenten schwertun. Konfidenzintervalle werden falsch interpretiert, Kausalität mit Korrelation verwechselt und Prozentzahlen ohne Basis angegeben. Eine KI kann solche Zusammenhänge häufig verständlicher darstellen, ersetzt allerdings weder statistische Kompetenz noch fachliche Prüfung.
Prompting ist die neue Kernkompetenz (für den Moment)
Der eigentliche Paradigmenwechsel liegt jedoch woanders: Die Fähigkeit, gute Fragen zu formulieren und Ergebnisse kritisch zu bewerten, wird wichtiger als die Fähigkeit, jeden Satz selbst zu formulieren. Was sich zunächst wie ein Verlust anhört, ist in gewisser Weise nur der Triumph jener Journalisten, die gute Interviews führen. Sie verfügen über die Fähigkeit, die wichtigen Fragen zu stellen. Ein guter Ökonom, ein guter Journalist oder ein guter Politikberater zeichnet sich dadurch aus, dass er weiß, was er nicht weiß, und die richtigen Fragen stellt, um in seinem Denken weiterzukommen. KI verschiebt also nur den Einsatz von kognitiver Arbeit oder Humankapital innerhalb des Wertschöpfungsprozesses. Gleichwohl wird man sich die Frage stellen müssen, wie angehende Journalisten eben diese Kompetenzen entwickeln, wenn der Zugang zur KI allgegenwärtig ist.
Das entlässt den Autor jedoch nicht aus seiner Verantwortung. Zitate müssen weiterhin verifiziert werden, da Sprachmodelle mit Nonchalance passende, aber erfundene Referenzen produzieren können, wie der Fall Voigt in der FAZ zeigt. Fakten müssen weiterhin geprüft werden. Der Autor steht mit seinem Namen für den Text, nicht nur für den Prompt.
Eine besondere Chance für Nicht-Muttersprachler
Es gibt eine Gruppe, die aus dieser Debatte meist herausfällt: Autoren, die nicht in ihrer Muttersprache schreiben. In internationalen Thinktanks, in akademischen Institutionen und in der Politikberatung arbeiten viele Menschen, die brillante Ideen haben, aber in der Fremdsprache zögern, weil Nuancen verloren gehen, Formulierungen steif klingen und Idiome fehlen. KI kann hier unmittelbar helfen, indem sie den Gedanken ein adäquates sprachliches Gewand verleiht, ohne sie zu ersetzen. Das demokratisiert die intellektuelle Debatte auf eine Weise, die man nicht geringschätzen sollte.
Den persönlichen Stil pflegen
Das häufigste Argument der KI-Skeptiker lautet, der persönliche Stil ginge verloren und alle Texte klängen am Ende gleich und generisch. Das stimmt, wenn man KI einfach machen lässt. Es stimmt jedoch nicht, wenn man sie richtig einsetzt.
Den eigenen Stil bringt man in KI-Texte ein, indem man sich die Mühe macht, das Modell mit eigenen Texten zu trainieren oder der KI explizit beizubringen, wie man selbst schreibt. Wer der KI beispielsweise selbstgeschriebene Kolumnen gibt und promptet: „Schreib im Stil dieser Texte, sachlich, mit leichter Ironie, evidenzbasiert”, der erhält etwas, das dem eigenen Stil deutlich näherkommt als die generische ChatGPT-Prosa. Das erfordert etwas mehr Aufwand und Bewusstsein für die eigene Stimme.
Allerdings besteht die Gefahr, dass zwar der Schreibstil von der KI gut imitiert wird, aber doch die Argumentationsmuster und Strukturierungen sich ähneln, weil viele KI-Systeme hier eine Homogenität aufweisen, was die Vielfalt journalistischer Perspektiven reduzieren kann.
Hinzu kommt, dass KI bei der Redigatur und beim Editieren hilft. Wer einen fertigen Text noch einmal durch ein gut konfiguriertes Modell schickt, erhält überraschend präzise Hinweise auf Redundanzen, logische Brüche oder stilistische Inkonsistenzen, die beim eigenen Lesen übersehen wurden. Gerade auch deshalb, weil es zu einer Konzentration auf einige wenige wirkmächtige KI-Modelle kommt, die dann von allen Redaktionen genutzt werden. Hier müssen Medienhäuser ihre Unabhängigkeit gegenüber KI-Plattformen sichern.
Was eigentlich auf dem Spiel steht
Die eigentliche Gefahr ist nicht, dass Journalisten KI benutzen. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass die Branche aus dieser Debatte die falschen Schlüsse zieht, sich in einem Abwehrkampf erschöpft, den sie nicht gewinnen kann, und die Spielregeln nicht aktiv gestaltet.
Zumindest in dieser Übergangsperiode kann Transparenz hierbei helfen. Ein Labeling, das anzeigt, ob ein Text KI-assistiert entstanden ist, schützt das Vertrauen derjenigen Leser, die diesbezüglich sensibel sind. Alternativ kann man den Workflow knapp nachzeichnen. Was aber bleiben muss, ist, dass, wenn ich unter meinem Namen publiziere, das Argument auch meines sein muss – selbst wenn die Formulierung nicht (vollständig) die meinige ist.
Think Tanks stehen vor einer ähnlichen Abwägung wie Redaktionen. Hier ist zusätzlich zu bedenken, dass die KI-Nutzung die Qualitätssicherung beim Verfassen von Policy-Briefings oder Studien nicht ersetzen kann. Gerade in der Politikberatung kann ein schön klingendes, aber inhaltlich fehlerhaftes Dokument realen Schaden anrichten. KI kann eine Erstformulierungshilfe sein, aber kein Ersatz für fachkundige Analyse und ein Peer-Review-Verfahren.
Wenn Redaktionen nun triumphierend verkünden, KI dürfe den Kern der journalistischen Arbeit nicht übernehmen, ohne zu erklären, was dieser Kern konkret ist und wo die Grenze verläuft, dann ist das eine inhaltleere Ankündigung. Die Kohlekumpel des Informationszeitalters werden nicht diejenigen sein, die KI benutzen. Es werden diejenigen sein, die es nicht tun und dann bald feststellen müssen, dass auf dem Markt nicht mehr genügend Platz für alle ist. Von daher ist es nicht verwerflich, wenn Journalisten KI nutzen, wenn sie sich transparente Regeln geben.
Prof. Dr. Tim Stuchtey ist geschäftsführender Direktor des Brandenburgischen Instituts für Gesellschaft und Sicherheit (BIGS) in Potsdam und Professor für Ökonomie der Cybersicherheit an der German University of Digital Science.
Workflow: Originalprompt TSt, erster Entwurf Perplexity Pro, erhebliche Überarbeitung TSt, leichte sprachliche Veränderung DeepL Write Pro, kritische Diskussion mit ChatGPT Business und nachfolgender Überarbeitung.
Bild: Erstellt mit ChatGPT.
