Ausgangslage

Moderne Industriegesellschaften sind hochgradig komplexe Organisationen und geprägt durch ein außerordentlich hohes Maß an internationaler Arbeitsteilung. Die Komplexität und Vernetzung macht unsere Gesellschaft jedoch zugleich verwundbarer für externe Schocks, wie sie durch Umweltkatastrophen, Terrorismus und menschliches sowie technisches Versagen ausgelöst werden können.
Die Bedrohungen stellen die Sicherheitsbehörden vor immer größere Herausforderungen. Zugleich wachsen die Fähigkeitslücken der Sicherheitsbehörden und die Verwund-barkeit unserer Gesellschaften. Die Ressourcen, die zum frühzeitigen Erkennen und Abwenden komplexer Gefahren oder zur Schadensbegrenzung erforderlich sind, müssen effektiver und effizient eingesetzt werden.
Hinzu kommen neue Bedrohungen durch eine asymmetrische Kriegsführung jenseits der „klassischen“ Kriege. Ebenfalls neue Formen der Auseinandersetzung mit Gegnern haben sich durch das Internet oder andere netzgebundene Infrastrukturen ergeben. Dies stellt demokratische Rechtsstaaten vor zusätzliche Herausforderungen, da sie derartigen Angriffen typischerweise nur mit konventionellen polizeilichen Mitteln begegnen (können). Eine angemessene Befähigung der Polizei ist jedoch häufig noch nicht gegeben.
Sicherheit oder zumindest die Beherrschung von Risiko sind aber eine Voraussetzung für Wohlstand und Freiheit. Die skizzierte Bedrohungslage zwingt demokratische Rechtsstaaten zu einer stetigen Neuorientierung der Anforderungen an die Gewährleistung von Sicherheit, um Freiheit und Frieden langfristig sicher stellen zu können.
Dabei ist es erforderlich, die Gesellschaften und ihre Menschen auf dem Weg zu mehr Sicherheit aufzuklären und zu sensibilisieren. Die Tatsache, dass in der Bundesrepublik Deutschland relativ stabile wirtschaftliche und soziale Verhältnisse vorliegen, sie über einen langen Zeitraum nicht in militärische Konflikte einbezogen war und mit Ausnahme des RAF-Terrorismus auch von terroristischen Anschlägen verschont blieb, hat zu einer Art „Versicherungsgesellschaft“ geführt. Das Bedürfnis nach und der Anspruch auf Absicherung jeglicher Art vor Gefahren und Risiken ist stark gewachsen. Die Einsicht, dass jeder einzelne viel für die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft tun kann, ist eher geschrumpft. Zudem besteht in Teilen der Bevölkerung eine Diskrepanz zwischen gefühlten und tatsächlichen Risiken.
Eine angemessene Reaktion hierauf setzt eine bislang erst beginnende öffentliche Debatte über die damit verbundenen Strategien voraus. Eine solche Debatte schließt auch die Frage ein, in welchem Maße neue Sicherheitsstrategien und Maßnahmen die Offenheit und Liberalität einer Gesellschaft unbeschadet lassen und weder Freiheit noch Rechtstaatlichkeit darunter leiden.
Naturkatastrophen oder Terrorismus betreffen nicht nur Industrieländer. Im Gegenteil, Entwicklungs- und Schwellenländer sind weit häufiger von Gewalt und Katastrophen betroffen. Deren Auswirkungen auf die Gesellschaft sind weitreichender und zerstörerischer und haben dennoch in einer vernetzten Welt einen Effekt auf uns.

Mit der sich wandelnden Sicherheitslage ist auch ein neuer Markt für Sicherheitstechnologien und -dienstleistungen entstanden, der sich durch erhebliche Wachstumsraten auszeichnet. Dieser Markt ist geprägt durch eine hohe Technologieintensität und der Notwendigkeit, einzelne Produkte und Dienstleistungen zu einem ineinander greifenden System zu integrieren. Dabei gilt es auch, die institutionellen Grenzen zwischen staatlichen Behörden und privatwirtschaftlichen Unternehmen klar zu definieren und Kooperationsformen zu entwickeln, die Wettbewerb und technischen Fortschritt fördern und dennoch Transaktionskosten reduzieren und Inkompatibilitäten beseitigen.
Die akademische Forschungs- und Lehrlandschaft zum Thema zivile Sicherheit ist in Deutschland sehr fragmentiert. Zudem besteht an den Universitäten und insbesondere in den Sozialwissenschaften eine gewisse Scheu, dieses Feld wissenschaftlich zu bearbeiten. Die Stadt Potsdam bietet sich als Ort für ein Institut für zivile Sicherheitsforschung an. Als Landeshauptstadt im Umfeld der Metropole und Hauptstadt Berlin ist Potsdam besonders geeignet, den föderalen Charakter in der Sicherheitsstruktur unseres Landes zu repräsentieren. Zugleich ist Potsdam der Sitz der Kommandozentrale der Bundeswehr für Auslandseinsätze und zukünftig der Bundespolizei. Warum sollte man diese Tatsache nicht für den wissenschaftlichen Diskurs nutzen?
Die Universität Potsdam bietet ein ausgeprägtes Potenzial, hier Abhilfe zu schaffen. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät verbindet in Deutschland einzigartig die Betriebs- und Volkswirtschaftslehre sowie die Wirtschaftsinformatik mit Politik-, Sozial- und Verwaltungswissenschaften. Damit deckt sie alle in den Gesellschaftswissenschaften notwendigen Gebiete ab, um die unterschiedlichen Aspekte der zivilen Sicherheit zu bearbeiten. Gerade im Bereich der Politik- und Verwaltungswissenschaften kann mit dem Profilbereich „Public Policy and Management“ auf bestehende Forschungsexzellenz sowie auf eine auf Praxisnähe ausgerichtete Lehre aufgebaut werden. Hinzu kommt das gemeinsam mit Kollegen aus der Juristischen Fakultät betriebene Kommunalwissenschaftliche Institut, das sich beispielsweise mit Fragestellungen der kommunalen Sicherheit beschäftigt.

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